Galerie Rita Stern | Laudatio JOACHIM WEISSENBERGER / HUMAN NATURE
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Laudatio JOACHIM WEISSENBERGER / HUMAN NATURE

24. April 2016
Anna Valeska Strugalla, Journalistin und Kunststudentin

Wenn man Joachim Weissenberger zu seiner Kunst befragt, gibt es kein Halten. Er ist mit Feuereifer bei der Sache, ein Überzeugungstäter – voll in seinem Element. Er beschreibt seine Kunst, seine Erzählungen wirken authentisch, seine Argumentationen sind geistreich-spannend.

 

Doch um seine Kunst umfassend zu verstehen, muss man neben dem passionierten Kunstschaffenden auch den Privatmann Weissenberger kennen lernen.

Den Familienvater, der von einer Minute auf die andere den Schalter umlegt, dem die „qualitytime“ zu Hause heilig ist und der dafür selbstverständlich, höflich aber bestimmt, auch mal ein vertieftes Gespräch abrupt beendet.

 

 

Den Privatmann zu kennen ist deshalb so wichtig, weil der Alltag der Rahmen ist, in dem Joachim Weissenbergers Kunst entsteht. Seine Bilder wachsen zwischen Arbeitsleben und Familie. In fest vereinbarten, wachsam behüteten Slots, findet er Zeit für seine Bilder. Samstags und sonntags, jeweils fünf Stunden, das ist der Deal mit seiner Familie. Und damit bringt er Beruf, Privates und seine große Leidenschaft unter einen Hut.

 

 

Diesen Deal gibt es nun seit gut fünf Jahren. Da hat er wieder richtig angefangen mit der Malerei. Dieser Deal schafft nicht nur eine angenehme Ausgeglichenheit, die seinen beruflichen Stress auffängt. Er meistert auch den hektischen Übergang vom Telefoninterview mit der Journalistin hin zum Abend mit der Familie völlig elegant und locker.

 

 

Dieser Deal wirkt auf den Familienvater – er wirkt aber auch auf den Künstler. Dieses Zugeständnis ist zwangsläufig rahmengebend für Weissenbergers Schaffen – gleichzeitig ist dieser Kompromiss stilprägend für seine Kunst:

 

 

Als „nahezu Effizienzgetrieben“ bezeichnet er seine Art, Kunst zu machen. „Voll abtauchen“, das gehe halt einfach nicht.

Die Zeit, in der er sich der Malerei widmet, ist kostbar und mit dieser Kostbarkeit geht er bedacht um. Er zelebriert und wertschätzt sie. Er versucht aber auch, innerhalb dieser Zeiträume das Optimum an Kreativität aus sich herauszuholen.

 

„Sessions“ nennt der Künstler selbst diese Freizeiten der vollkommenen Hingabe zur Kunst. Er verbringt sie in seinem kleinen Atelier im Klingenberger Stadtteil Trennfurt. Traditionell eröffnet er sie mit einer Tasse Kaffee zu spätromantischen Klängen à la Sibelius oder Prokofiev. Und dann beginnt das Spiel mit den Assoziationen.

Ausdrucksstärke in einem Korsett der zeitlichen Begrenzung, das bedeutet:

– jetzt oder nie!

– alles muss raus!

 

 

Vorzeichnungen gibt es nicht, die Ölfarben kommen direkt auf die Leinwand. Zwei Pinsel lassen zwei Hände ihre Kreise ziehen. Dabei folgt Weissenberger den ersten Eindrücken, lässt „Formen entstehen“, wie er es beschreibt. Dafür verwendet er gerne die Metapher von dem Keller, den jeder in seinem Haus beherbergt. Ein Leben lang räume man unkontrolliert alles Mögliche in diesen Keller. Man verliert schnell den Überblick und das Gespür dafür, was darin wohl so lagert.

Die „Sessions“ sind für Weissenberger das schrittweise Entrümpeln dieses Kellers. In jeder Einheit greift er mit kreiselnden Pinseln tief in das Gewölbe und fördert Themen zutage. – Themen, die er manchmal noch detaillierter herausarbeitet. – „Manchmal will eine Form aber auch nicht weiter ausgeführt werden, das merke ich dann“, erklärt er.

 

Dieser außergewöhnliche Entstehungskontext erklärt vielleicht auch die Intensität, mit der er seine Sujets kommuniziert. Das bedingungslose Lodern der Feuerstellen auf dem Gemälde „Firegarden“, der Moment der Wiederauferstehung in „Resurrection“ mit den Gegensätzen zwischen Himmel und Erde, der ewige Kampf zwischen Schöpfung und Vergänglichkeit in „Wheel of Life“.

– Die Frage „Was hat sich der Künstler dabei wohl gedacht?“ ist bei dieser hochsensiblen, assoziationsgeleiteten Art der Kreation absolut hinfällig. Weissenbergers Ölgemälde erzählen keine feingliedrigen Geschichten nach, es gibt keine Haupt- und Nebenkriegsschauplätze. Diese Werke bilden einen intimen Gefühlszustand ab. Seinem Narrativ des „Lebenskellers“ folgend betreibt Weissenberger im Grunde nichts anderes als einen ziemlich heftigen psychologischen Frühjahrsputz an sich selbst. Gut möglich, dass der Künstler die zu Bild gebrachten Emotionen nur mit Hilfe seiner kreiselnden Pinsel auszudrücken vermag.

 

 

Ein interessanter Gegensatz zu diesen schonungslos emotionalen Ölgemälden bildet da der zweite Typus, der Weissenbergers Werk (bisher) komplettiert: Leichte, klare Landschafts-Kohlezeichnungen „brauchen kein ‚was?’ sondern nur ein ‚wie?’“, so erklärt er es. Das entspanne den Geist und schule das Auge, es sei für ihn wie ein Ausgleich zu den fordernden Sessions.

 

 

„Human nature“ – unter diesem Begriff subsummiert der Künstler die Auswahl seiner Werke, die er hier heute präsentiert.

– Ausstellungstitel verleiten oft dazu, dass man sich schon vor dem Betreten eines Kunsthauses eine Erzählung zurechtlegt, unter der man dann das Gezeigte betrachtet und auf sich wirken lässt. Das kann schief gehen. Das kann aber auch ein herrlicher Wegweiser sein, der einen von Bild zu Bild führt. Bei dem Titel dieser Ausstellung trifft Letzteres zu, mit besonderem Augenmerk auf die „nature“. In Weissenbergers Kunst fungiert sie als Gegenstück zum „human being“. „Nature“ ist in einem Großteil seiner Bilder auch rahmengebendes Element. Natur, in unserem Fall häufig repräsentiert durch die Darstellung von Wald, ist die Bühne, auf der sich Weissenbergers Assoziativketten entfalten.

 

 

Dabei könnte man den „Wald“ als Grundierung seiner Gemälde sehen. Das schafft eine ganz besondere Stimmung, in der man sich dann durch „human nature“ bewegen kann.

 

 

Der Wald als dunkles Mystikum, als Ort des Geheimnisvollen und des Zauberhaften. Der Wald als Metapher im Märchen, oft als zweites Ich zu verstehen, als Raum der Reifung und des Wandels. Der „deutsche Wald“ als Identifikationsmodell einer deutschtümelnden Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Der Wald schlussendlich aber auch als Sehnsuchtsort der ungebändigten Natur mit „Wellnesscharakter“: hier ist Durchatmen möglich, hier bekommt man seinen Kopf frei. Ideal für eine „Session“ à la „human nature“.

 

Lassen Sie sich nun ein, auf einen Streifzug durch Joachim Weissenbergers Wälder:

Schenken Sie sich, ganz nach seiner Manier, eine Tasse Kaffee ein (zur Not tut es auch ein gutes Glas Wein) und legen Sie sich die passende Musik dazu auf:

Mit Dvoraks Celli-Monodien aus der „Waldesruhe“ lassen Sie sich auf die feinen, mit leichten Kohlestrichen gezeichneten Verästelungen bei „St. Jakobus“ ein und genießen die Ruhe am „Fronwassergraben“. Die zauberhafte Waldnymphe von Jean Sibelius führt Sie zur Lichtung des „Königwaldes“. Richard Wagners Siegfried nimmt Sie mit „in Wald und Nacht“ des Nibelungenliedes und schafft damit eine existenziell-dunkle Atmosphäre, zu der man sich tiefer und tiefer ins Dickicht schlagen – und komplexe Inhalte wie in „Totem“ oder „Shell of cognition“ auf sich wirken lassen kann.

 

 

In diesem Sinne: verlaufen Sie sich nicht!